
KRISTINA WEISS
KRISTINA WEISS
Geist in das Material bringen, es beseelen, so lässt sich die künstlerische
Herangehensweise von Kristina Weiss anschaulich beschreiben. Kunst auf der
Materialebene zu betrachten und zu entschlüsseln, lernte die Künstlerin früh über die
Musik und vertiefte dies später in ihrem musikwissenschaftlichen Studium. Der
universalpoetische Gedanke Robert Schumanns, wonach die Ästhetik der einen Kunst
der einer anderen entspricht und sich lediglich im Material unterscheidet, dient ihr
dabei gleichermaßen als Leitstern wie als Ausgangspunkt kritischer
Auseinandersetzung.
Poetisch sind die Arbeiten von Kristina Weiss allemal, sichtbar werden Andeutungen
von Klang, Fragmente notierter Musik sowie Oberflächen, die an Klangspuren oder
akustische Verläufe erinnern. Diese flüchtigen Momente zeigen sich nicht nur im
Dargestellten selbst. Auch die Bildträger werden häufig Teil der Aussage: mit ihren
unregelmäßigen Kanten wirken sie wie Bruchstücke eines größeren Ganzen.
In der Werkgruppe der rough-Serien wird dieser transitorische Charakter besonders
sichtbar. Auf ausgerissener schwerer Leinwand, die in einem aufwendigen Prozess mit
Papier und Textil präpariert wird, entsteht eine organische Motivik. Ästhetisch greifen
die Arbeiten das Vergangene und dessen Auflösung auf. Das Imperfekte und die
schwebende Hängung unterstreichen den flüchtigen Charakter dieser moments
picturaux.
Auch in der Serie Sonifikationen begegnet uns eine innere Klangwelt.
Der Begriff beschreibt die Transformation von Daten in Klang, hier jedoch sind die Daten
in visuelles Material eingeschrieben. Die monochrome Farbgebung erzeugt ein Licht-
und Schattenspiel, das sich je nach Lichtquelle und Tageszeit verändert und eine
intrinsische Bewegung entstehen lässt. Erstarrte Klänge scheinen lebendig zu werden.
Kristina Weiss arbeitet in Berlin und realisiert neben Bildern auch Objekte und
Installationen. Regelmäßig arbeitet sie mit klassischen Musikern zusammen,
demnächst im Kontext des Kammermusikfestival Lineages rund um die Aufführung der
Brahms-Klavierquartette
Für 2026 ist eine Installation für die Video-Aufahme der Hindemith-Violinsonaten
geplant.
Kristina Weiss, Meisterin der Vielfalt, bewegt sich zwischen Musik, Literatur und bildender Kunst. Sie experimentiert mit Ölfarben und Papierkunst, dabei lässt sie dem gesteuerten Zufall Raum, aus Chaos Schönheit zu schaffen. Ihr Stil ist geprägt durch Abstraktion, poetische Irrealisierung von Naturerscheinungen und akustischen Phänomenen. Weiss transportiert die Flüchtigkeit von Momenten, öffnet Assoziationsräume und lässt die Betrachterinnen ihre eigenen Erfahrungen machen.
Folgerichtig heißt die erste Ausstellung, in der Galerist Werner Lauth die Werke der in ihrer Geburtsstadt Berlin und in München arbeitenden Künstlerin präsentiert, „töne – klänge – weißes rauschen“. Kristina Weiss arbeitet seit über 20 Jahren als freischaffende Künstlerin, ist aber auch studierte Musikwissenschaftlerin und spielt selbst Geige. Die Werke, von denen die meisten erst in diesem Jahr entstanden sind, tragen klangvolle Namen wie „from a score“, „sound structure II“ oder „ready to play“. Auf den zweiten, dritten oder vierten Blick meint man einmal Noten zu erkennen – die dann rätselhafterweise beim fünften Hinsehen schon direkt wieder verschwunden sind.
Reduziert und vielschichtig
Um die Darstellung von Szenen, Gegenständen oder Personen geht es Kristina Weiss nicht, ihre Kunst ist weniger als halbkonkret, und man kann sie sich nur auf emotionalem Weg erschließen. Der Clou ist, dass sie, um etwas nur auf den ersten Blick ganz Einfaches und sehr Sinnliches zu erschaffen, viele und auch viele verschiedene Materialien verwendet, mit Papier und Leinen, mit Acryl und Pigmenten, auch mit Wachs experimentiert. Die von ganz wenigen Ausnahmen abgesehene fast ausschließliche Verwendung von Schwarz und Weiß verstärkt den Eindruck des Reduzierten – und gleichzeitig sorgt die Vielschichtigkeit dafür, dass man bei jedem neuen Betrachten immer wieder etwas entdecken kann. Wie Galerist Werner Lauth bestätigt, dessen Arbeitsplatz mitten in der Galerie Weiss’ Werke seit vergangener Woche umgeben.
Er hat die Künstlerin auf der Messe Art Karlsruhe kennengelernt – „und es hat sofort gematcht“, wie er es ausdrückt. Ihm gefällt der gleichzeitige Ausdruck von Leichtigkeit und Tiefe. Und, wie sich Kristina Weiss’ Werke auch kleine Unperfektheiten erlauben. An den Rändern ihrer Bilder schaut die Leinwand heraus. Als Spezialist für Einrahmungen könnte Werner Lauth die Überstände sorgfältig eliminieren. Aber im Gegenteil: Er findet sie gerade gut.
Rheinpfalz 13. November 2024 Text: Nicole Sperk














